Wandel des Herzens Excerpt Wandel des Herzens, Reading order: 1


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Kapitel 1

 

ICH ACHTETE NORMALERWEISE NICHT AUF MÄDCHEN, daher war es nicht verwunderlich, dass Crane sie zuerst sah. Nachdem er sie mir gezeigt hatte und ich die Männer gesehen hatte die ihr folgten, war ich seiner Meinung, dass es viel zu spät war, als dass sie alleine unterwegs sein sollte. Die Entscheidung war schnell getroffen. Wir folgten der Frau und den vier Männern durch die leere windige Straße. Ihre verstohlenen Blicke über die Schulter zeigten uns, dass sie sich ihrer Gesellschaft, ihrer Verfolger, bewusst war. Als sie ihre Schritte beschleunigte, taten sie es ihr nach und aus unserer Perspektive in den Schatten der Gebäude sahen wir, wie sie innerhalb eines Häuserblockes zunächst normal ging, dann lief und schließlich rannte. Und vielleicht war ja auch alles in Ordnung. Vielleicht hatte sie einen schwarzen Gürtel in Taekwondo oder vielleicht kannte sie die Typen die hinter ihr liefen, und es war nur ein kleines Spielchen, das mein Freund und ich nicht durchblickten. Die Fakten blieben die gleichen: sie war unterwegs, anscheinend allein, um zwei Uhr am Morgen in einem sehr zwielichtigen Stadtviertel.

„Kann ich nicht einfach alleine gehen?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. „Es würde viel schneller gehen.“

Crane schüttelte den Kopf bevor er sich rasch von mir entfernte. Ich kannte ihn seit wir Kinder waren, daher versuchte ich erst gar nicht, die Situation mit Logik anzugehen. Mädchen in Schwierigkeiten zogen ihn magisch an und daher gab es keine Chance, dass er mich alleine gehen lassen würde. Alles was ich tun konnte, war neben ihm zu bleiben und mit ihm Schritt zu halten, während er weiter lief.

„Ich frage mich wirklich, was sie hier draußen treibt“, überlegte Crane und beschleunigte noch mal seinen Schritt.

Sie war auf jeden Fall verrückt. Um zwei Uhr morgens alleine in einem miesen Viertel? Das Mädchen hatte scheinbar einen Todeswunsch und ich hoffte, dass sie uns da nicht hineinziehen würde. Aber egal war passieren würde, die Chance, sich raus zu halten war in dem Moment verstrichen, als wir sahen, dass sie wahrscheinlich in Gefahr war.

Wir machten einen kurzen Abstecher in eine Seitenstraße, zogen unsere komplette Kleidung aus und ließen Jacken, Pullover, Jeans, Schuhe und Socken auf einem Haufen in einem Hauseingang liegen. Wir mussten das tun, um uns zu verwandeln und angsteinflößend zu werden. In unserer menschlichen Form würden wir erst mal niemandem Angst einjagen. Ich war zwar 1,80 m groß, aber nicht sehr massig. Ich hatte eher die schlanke Statur eines Schwimmers, mit langen, kraftvollen Muskeln. Mein Freund Crane Adams war mit 1,86 m Höhe, etwas über 90 kg Gewicht und vielen Muskeln sicherlich beeindruckender als ich, aber so richtig furchterregend war er auch nicht.

Aber das alles änderte sich, wenn wir uns verwandelten. Sobald wir Panther wurden, waren wir der Stoff für Albträume und ich ließ dieses 'kleiner und schwächer als mein Freund' innerhalb von Sekunden hinter mir. In meiner Pantherform war ich deutlich angsteinflößender als jeder andere, den ich bisher getroffen hatte.

In dem Moment hörte ich den Schrei, und ich lauschte eine Sekunde um sicher zu sein, dass ich in der richtigen Richtung unterwegs war bevor ich loslief. Es war wie der Abschuss einer Pistolenkugel, ein rasanter Geschwindigkeitsrausch, bevor meine Sicht sich normalisierte und ich fokussieren konnte. Innerhalb eines Herzschlages wechselte mein Sehvermögen von halb blind in der Dunkelheit zu perfekter Sicht. Meine Verwandlung ging immer so schnell. Es würde etwas dauern bis Crane zu mir aufschloss. Seine Verwandlung war immer eine Sache von Minuten und nicht Sekunden wie bei mir. Mir wurde schon öfters gesagt, dass meine Verwandlung wie eine Welle aussieht, die im Vorwärtsgang den Mann umschließt und beim Zurückweichen die Bestie frei gibt. Ich hatte über die Jahre viele Gestaltenwandler gefragt wie sich die Verwandlung für sie anfühlt, und hatte die unterschiedlichsten Beschreibungen gehört. Einige sprachen von einer Kraft, die über ihre Haut strich oder Hitze, die die Gliedmaßen durchströmt, während andere das Ganze als einen Adrenalinkick bezeichneten oder eine kurze Euphorie. Ich hatte tatsächlich noch keine dieser Empfindungen verspürt, denn mein Körper wechselte die Form zu schnell, als dass mein Gehirn es überhaupt registrieren würde. In einem Augenblick war ich ein Mann und ihm nächsten ein Panther. Die Verwandlung war so nahtlos, dass man es mit den Augen nicht verfolgen konnte. Wahrscheinlich hätte ich damit in einer Zaubershow in Vegas auftreten können.

Ich hetzte über die Straße und durch eine kurze Allee und erreichte den Platz gerade noch rechtzeitig, um zu sehen wie die Frau über die Baustelle lief, die vier Männer immer noch hinter ihr. Ich preschte hinterher, setzte problemlos über den 1,80 m hohen Maschendrahtzaun, der den Bereich einschloss und landete auf der anderen Seite, ohne Geschwindigkeit einzubüßen. Es war, als wäre ich auf der Bühne angekommen und wartete auf die Show.

Ich erwartete Schreie, Horror, Panik und Angst. Ich bekam – nichts. Die Szene fror quasi ein. Sogar das Mädchen blieb stehen und wurde ganz still. Niemand bewegte sich, aber es fiel auch niemand in Ohnmacht. Seit wann war es nicht mehr gruselig wenn in Downtown Reno plötzlich ein schwarzer Panther aus dem Nichts auftauchte?

„Was zum Teufel ist das?“, fragte einer der Männer und zeigte auf mich. „Ich dachte, du bist allein.“

Keiner fürchtete sich und was noch viel schlimmer war, sie wussten, was ich war; sie hielten mich nicht für ein Tier. Diese Erkenntnis lag mir wie ein Stein im Magen. Entdeckt zu werden war nicht gut wenn man sich ohne Erlaubnis in einem fremden Territorium aufhielt. Ich senkte meinen Kopf für den anstehenden Kampf.

„Du denkst wirklich ich wäre zu dieser nachtschlafenden Zeit ohne Begleitung unterwegs?“, schnaufte das Mädchen und bewegte sich von den Männern weg und auf mich zu, während sie diese Herausforderung aussprach. „Ihr seht besser zu, dass ihr Land gewinnt. Das ist nur einer meiner Bodyguards.“

In diesem kurzen Moment sah ich die Gruppe kurz zögern. Nichts beunruhigte sie mehr als der Gedanke, dass ich nur die Vorhut sein könnte. Sie zogen sich zurück und warfen hektische Blicke in alle Richtungen bevor sie sich plötzlich umdrehten und wegrannten. Ich war einen Augenblick hocherfreut, bevor ich hörte, wie sie nach den anderen riefen, ihre Schreie unüberhörbar in der Nacht.

„Oh Gott“, wimmerte sie und trat einen Schritt zurück. Sie griff in meinen Pelz, nur um plötzlich wieder loszulassen und an ihren Sachen zu reißen, um sich so schnell wie möglich auszuziehen. Ihre Augen war riesig und wild und sie blickte sowohl über den Platz, als auch immer wieder zu mir, um sicherzustellen, dass ich sie nicht angreifen würde. Ich hätte mich ja wieder verwandelt und ihr gesagt, dass sie nichts zu befürchten hat; ich war schwul und mein einziges Interesse bestand darin, sie zu beschützen. Aber sie sollte sich darauf konzentrieren, sich so schnell wie möglich zu verwandeln, daher wollte ich sie nicht ablenken.

Wie ich vermutet hatte, dauerte ihre Verwandlung mehrere Minuten. Muskeln und Knochen gestalteten sich um während ihr Körper zuckte und sich wand. Ich sah ihr an, dass es weh tat und ich vermutete, dass sie es hasste. Das tat ich auch, aber aus ganz anderen Gründen. Ich hörte das Geräusch von Pfoten im Schnee und war erleichtert, Crane auf mich zuschießen zu sehen. Sie schmiegte sich an meine Seite aber ein besänftigender Stupser mit der Nase beruhigte sie. Als Crane wie angewurzelt vor mir stehen blieb, blickte sie um mich herum, um ihn zu anzusehen.

Ich sah, wie er zitterte und wenn ich in diesem Moment menschlich gewesen wäre, hätte ich sie beide angeschrien. Irgendetwas passierte zwischen den beiden, ausgerechnet wenn wir möglichst schnell weglaufen sollten. Aber durch das Warten auf ihre Verwandlung und seine Verzögerung, war der geeignete Zeitpunkt für eine Flucht ungenutzt verstrichen. Es war zu spät. Da kamen jede Menge Katzen über den Maschendrahtzaun um uns anzugreifen. Wir mussten also kämpfen, statt uns in Sicherheit zu bringen. Ich fühlte einen Stupser an der Schulter und drehte mich zu Crane um der mich ansah und darauf wartete, was ich tun würde. Das Pantherweibchen blickte ebenfalls auf mich. Ihr Wunsch nach Schutz war größer als der instinktive Drang, wegzulaufen. Sie hatten beide Angst, aber als ich loslief, blieben sie dicht hinter mir. 

Große, rasiermesserscharfe Zähne kamen in mein Gesichtsfeld, aber ich duckte mich problemlos unter dem Angriff durch. Jede Katze die ich bisher getroffen hatte, bewegte sich im Vergleich zu mir wie in Zeitlupe, so dass ich mich wegducken konnte ohne überhaupt berührt zu werden. Den Körper der auf mich zusprang stieß ich mit dem Kopf weg, mehr wie ein Bulle als ein Panther. Ich sah glänzende Reißzähne und schlug den Kopf weg indem ich über die gefallene Katze unter mir lief. Ich pflügte durch das Rudel; mein einziges Ziel war, meine Schützlinge aus diesem Chaos raus zu bringen. Es waren insgesamt sechs oder sieben Tiere, alles riesige männliche Panther, die unsere Flucht verhindern wollten, aber sie kamen immer einer nach dem anderen auf mich zu, statt uns gemeinsam aufzuhalten. Gegen einen nach dem anderen hatte ich eine Chance und der Hoffnungsschimmer wurde größer, als Crane und das Pantherweibchen mir ganz eng folgten. Sie wussten instinktiv, dass wir uns nicht trennen durften.

Ein weiterer Panther hechtete vorwärts und ich sprang über ihn, wobei ich mich kurz von ihm abstützte. Er brach unter mir zusammen und die Kraft meines Absprungs brachte ihn noch mehr ins Trudeln. Als ich mich umdrehte um weiter zu laufen, wurde das Weibchen plötzlich gepackt und weggerissen. Ich drehte mich herum um ihren Angreifer zu stellen der wie angewurzelt über ihr stand und mich anstarrte. Seine Zähne waren gebleckt, die Lippen über langen dolchartigen Reißzähnen und geschwärztem Zahnfleisch zurückgezogen. Er konnte ganz einfach seinen Kopf senken und sie verletzen. In der Hoffnung ihn einzuschüchtern richtete ich mich auf und streckte meinen Hals und holte tief Luft, um ein lautes Brüllen einzuleiten. Ich wusste genau wie ich in diesem Moment aussah. Als wäre ich selbst nur ein Fragment der Nacht. Als schwarzer Panther war ich anders als die goldene Katze vor mir und er hatte so etwas wie mich wahrscheinlich noch nie gesehen. Ich war selten, noch mehr als er ahnen konnte. Als sein Geruch sich änderte, war ich erleichtert. Ich konnte seine Furcht riechen.

Ich sah verwundert, wie er noch mehr versteinerte und so still wurde, wie es nur ein Tier kann. Als ich den Kopf senkte trat er einen kleinen Schritt zurück. Um meinen Vorteil auszubauen, nahm ich meinen Kopf wieder hoch und knurrte laut. Er zitterte. Meine Demonstration von Kraft und Schnelligkeit hatte ihn soweit geängstigt, dass er nun wartete was ich als nächstes tun würde. Er war besorgt. Als er einen weiteren Schritt zurück tat und damit die unmittelbare Gefahr für das Weibchen gebannt war, sprang ich nach vorne und direkt über sie. Alle konnten mich sehen. Meine Haltung sagte ganz deutlich, dass sie mir gehörte und dass ich sie für mich beansprucht hatte. Falls der Anführer sie wollte, würde er mich herausfordern müssen und dann gäbe es einen Kampf Mann gegen Mann. Ich wusste, dass ich in diesem Szenario im Vorteil wäre. 

Als der Anführer der Meute nichts tat, war ich überrascht. Sein Zögern mir gegenüber führte mich zu der Annahme, dass er vor mir auf dem Boden sinken, sich auf den Rücken rollen und mir seine Kehle anbieten würde. Gemäß den Regeln nach denen wir alle lebten, musste er seine Unterlegenheit eingestehen. Daher war ich vollkommen perplex als er sich umdrehte und davonlief, die anderen Katzen im Schlepptau.

Alleine zurückgelassen mit dem Pantherweibchen auf dem nun plötzlich stillen Platz und verwirrt von dem unerwarteten Rückzug, war ich überrascht von ihrer Bewegung unter mir. Sie stand mit viel Mühe auf und schob ihren Kopf von unten unter mein Kinn. Als ich mit meinem Kiefer sanft ihren Nacken umschloss, hörte ich ein lautes Schnurren der Zufriedenheit bevor sie zu zittern begann.

Ich richtete mich langsam und vorsichtig auf bis sie auch wieder auf den Beinen war, und stützte sie mit meinem Körper. Als der andere Panther sie geschnappt hatte, hatte er sie ziemlich grob umgeworfen, daher lehnte sie sich schwer an mich als wir losliefen. Crane stand auf der anderen Seite neben ihr und wir führten sie weiter vorwärts. Sekunden später hörte ich schon andere kommen und verstand plötzlich den wahren Grund des Rückzuges. Der Anführer hatte gewusst, dass die Kavallerie unterwegs war und sich für die Flucht entschieden, da er nicht wusste wie viel Zeit ihm noch blieb. Ich war als doch nicht so angsteinflößend wie ich gedacht hatte,

Der Ruf des Weibchens war kurz, ein schneller Schrei um ihrer Sippe mitzuteilen wo sie war, und dass sie in Ordnung war. Ich spannte mich an und fühlte, wie ihre Zähne sich sanft in meine Schulter bohrten, um mich fest zu halten. Ich drehte mich um, strich mit dem Kinn über ihren Kopf und stieß sie dann etwas an, um sie aus der Balance und von mir weg zu bekommen. Ich sprang weg, bevor sie mich wieder packen konnte. Sie trat einen Schritt vor, aber ich war schon außer Reichweite. Sie waren schon ganz nah, ihre Sippe, ihre Familie und sie war in Sicherheit. Ich knurrte Crane an und nach einem Moment der Unsicherheit folgte er mir. Ich drehte mich weg und lief den Weg zurück, den wir gekommen waren. Ich hörte sie rufen, immer wieder kurz und laut, aber es waren keine Laute des Schmerzes mehr, sondern des Verlusts. Ich lief weiter, fühlte meinen Freund neben mir. Wir sprangen das zweite Mal an diesem Abend über den Zaun und überquerten blitzartig die Straße. Unsere Kleidung war da, wo wir sie gelassen hatten. Minuten später waren wir wieder verwandelt und angezogen, die Klamotten nun kalt und klamm.

„Warum laufen wir weg?“, fragte Crane, eindeutig verwundert.

„Wie kannst du das fragen?“, schnappte ich. „Wir haben keine Ahnung in wessen Territorium wir sind und wir haben uns gerade mit jemandem geprügelt, den wir auch nicht kennen. Wir sollten schauen, dass wir hier möglichst schnell weg und nach Hause kommen.“

„Aber wir haben das Mädchen gerettet.“

„Ja schon. Aber wen haben wir da gerettet?“

„Was meinst du?“

Er hatte keine Vorstellung warum ich mir Sorgen machte. Die Tatsache, dass wir gerade eine unfreundliche Begegnung mit einer Panthersippe hatten, die früher oder später nach uns suchen würde, bereitete ihm keine grauen Haare. Es war richtig gewesen das Mädchen zu retten, also würde sich der Rest schon fügen. Aber ich war ein Realist. Ich war besorgt über das mögliche Nachspiel. Zum Beispiel, wer an unsere Tür klopfen würde. Die dankbare Sippe des Pantherweibchens, das wir gerettet hatten? Oder eine sehr verärgerte Sippe, die wir vertrieben hatten? Es war in jedem Fall schlecht. Ich wollte nicht hineingezogen werden. Und noch viel wichtiger: ich wollte nicht vor den Semel, den Anführer des Stammes, zitiert werden. Weder vor deren, noch vor meinen. 

„Was ist wirklich los?“

Er kannte mich und wusste, dass ich mir nicht grundlos Sorgen machte, aber den Hintergrund verstand er nicht.

„Jin?“

Ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare. „Lass uns einfach nach Hause gehen, okay?“

„Du bist mal wieder seltsam“, kommentierte er, aber folgte mir, als ich mich in Richtung Downtown aufmachte.

Ich wollte noch etwas sagen, als wir plötzlich von Scheinwerfern angeleuchtet wurden. Wie sich herausstellte, war die Gelegenheit in die Nacht zu entschwinden, vorbei.

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Dreamspinner Press Dreamspinner Press

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Book Details
  • Release Date: February, 28 2012
  • ISBN: 978-1-61372-807-9
  • Word Count: 78772
  • Cover Artist: Paul Richmond
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$14.99

Book Details
  • Release Date: September, 5 2017
  • ISBN: 978-1-63476-504-6
  • Page Count: 216
  • Cover Artist: Paul Richmond
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